Streuobstwiesen begleiten mich schon mein ganzes Leben. Als Kind habe ich auf und unter den großen Obstbäumen im Dorf gespielt, Apfelsaft gepresst und erlebt, wie die Wiesen im Laufe des Jahres ihr Gesicht verändern. Was mir damals selbstverständlich erschien, erkenne ich heute als kostbares Kulturerbe: alte Obstsorten, gewachsene Landschaften, lebendige Dorfgemeinschaft. Vieles davon verschwindet, aber wir können es noch erhalten.
Im letzten Jahr habe ich einen einjährigen Streuobst- und Obstbaumpflegekurs bei der Wetterauer Obstbaumschnittschule Mirko Franz begonnen. Dieser Kurs hat meinen Blick auf Streuobstwiesen tief verändert. Ich habe gelernt, wie man alte Bäume verjüngt, Fehler korrigiert und sie so pflegt, dass sie wieder zu Kräften kommen. Mit diesem Wissen pflege ich jetzt die alten und jungen Bäume meiner Familie. Sie tragen nicht nur Früchte sondern auch Erinnerungen.
Heute engagiere ich mich im NABU Lützellinden für den Erhalt der Streuobstbestände. Dazu gehört auch die Entfernung von Misteln, die alte Bäume massiv schwächen und die sich durch mangelnde Pflege der Bestände durch die Eigentümer immer weiter in der Region verbreiten. Jede solche Aktion zeigt mir, wie viel wir bewegen können, wenn wir gemeinsam anpacken. Und tatsächlich passiert das vielerorts: Obst- und Gartenbauvereine, Naturschutzgruppen, Kelterinitiativen und viele Ehrenamtliche halten Tradition lebendig, einfach indem sie sie leben: beim Baumschnitt, beim Ernten, beim Pressen, beim Keltern, beim Vergären, beim Genießen.
Früher sagte man:
„Hast du einen Raum,
pflanze einen Baum!
Pfleg’ ihn fein,
er bringt’s dir ein!“
Damals war klar: Ein Baum lohnt sich immer. Er spendet Obst, Holz, Schatten, Lebensraum über Jahrzehnte. Doch heute ist diese einfache Wahrheit ins Wanken geraten. Die Wirtschaftlichkeit traditioneller Streuobstwiesen ist herausfordernd geworden. Während die alten Sorten auf den Wiesen rund um die Dörfer langsam verschwinden, liegen in den Supermärkten glänzende, makellose Äpfel, industriell produziert, sogar im Bio-Bereich. Diese Früchte sind Produkte hochoptimierter Plantagen, spezialisierter Sorten, intensiver Pflege und globaler Lieferketten. Die kleinen Spindelbäume, die ökologisch wenig wertvoll sind, werden 20-30 mal im Jahr gespritzt. Das ist vielleicht effizient, ja. Aber austauschbar und ohne Wert für unsere Natur.
Die alten Bäume dagegen tragen Sorten, die in keinem Regal stehen. Sorten mit eigenem Geschmack, eigener Geschichte, eigener Widerstandskraft. Sie stehen an ihren Orten, angepasst an Wind und Wetter, und kommen ohne Bewässerung oder chemische Hilfe aus. Sie prägen das Landschaftsbild unserer Dörfer, und dass sie wirtschaftlich kaum konkurrenzfähig sind, macht sie nicht weniger wertvoll. Im Gegenteil: Es zeigt, wie wichtig es ist, ihr kulturelles und ökologisches Erbe bewusst zu pflegen.
Letztes Jahr habe ich meinen ersten eigenen Ebbelwoi gemacht, aus Äpfeln, die ich selbst geerntet, gepresst und vergoren habe. Der Geschmack hat mich überrascht. Nicht weil er perfekt war, sondern weil er echt war. Man schmeckt die Arbeit, den Standort, die Sorten, das Jahr. Man schmeckt die Verbindung. In solchen Momenten wird mir klar, dass Streuobstwiesen nicht nur Natur sind, sondern Kultur. Und dass sie es wert sind, erhalten zu werden, gerade weil sie wirtschaftlich herausfordernd sind, aber weil sie über den monetären Wert hinaus wertvoll sind für uns und für die Natur.
Die vielen Initiativen und Ehrenamtlichen und ihre Dachverbände brauchen deshalb politische Unterstützung und Förderung. Viele Kreise und Kommunen haben das schon erkannt und fördern Pflege und Neuanpflanzung. Aber die Streubstwiesen werden wir nur erhalten können, wenn sie auch genutzt werden und eine gewisse Wirtschaftlichkeit erreichen. Die guten Ideen, die es hier gibt mit Premiumprodukten wie Cidre, Sekt, Likören und Bränden, oder auch die Direktvermarktung der Früchte als Tafelware verdienen deshalb besonders Unterstützung und Förderung.
Streuobstwiesenpflege verbindet Natur, Handwerk, Tradition und Gemeinschaft. Sie bringt mich zurück zu meinen Wurzeln und führt mich gleichzeitig zu neuen Aufgaben. Und sie zeigt, dass der alte Spruch noch immer gilt: Pflanzt du einen Baum und pflegst ihn fein, bringt er dir etwas ein. Vielleicht nicht in Euro, aber in Vielfalt, Geschmack, Landschaft und Lebensqualität.
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